Mittelalter im Mittelland

Dort, wo big bäng einen Riesenkrater hinterlassen hat und heute Hunde Freilauffläche haben, fand der erste Mittelaltermarkt auf Helgoland statt.

Äh – Mittelalter, das darf man sich auf Helgoland nicht wirklich lustig und bunt vorstellen. Es gibt hier kein Grundwasser. Also fingen die Leute Wasser in Regenfässer auf. Es führte keine bequeme Treppe nach oben auf den Felsen, von einem Aufzug keine Rede. Es dürfte also beschwerlich gewesen sein, sein Geraffel nach oben in eine sichere Kate zu bringen, denn unten war der Hafen unbefestigt und damit jeglichen Stürmen ausgeliefert.

Die Verbindung zur Düne bestand noch, insgesamt war die Insel etwa viermal größer als heute. Die großen Sturmfluten im 14. und 18. Jahrhundert haben ordentlich ‚gefressen‘ und dem Felsen annähernd die heutige Form gegeben.

Im Mittelalter war der Felsen ein unbedeutender Klecks in der Nordsee, der zu Dänemark gehörte. Aber die Dänen interessierten sich für diesen Flecken erst, als im 15. Jahrhundet bei Helgoland große Heringsvorkommen auftraten.

Also – raue Lebensbedingungen …

Doch unsere Vorstellung von Mittelalter wird heute ohnehin eher von Tolkien und anderen Fantasy-Autoren geprägt, als dass sie historisch genau wäre.

Und so zieht während des Mittelalterwochenendes eine bunte, wild geschminkte Truppe durch die Stadt, um die Leute auf den Markt im Mittelland zu rufen. Lauter Volk darstellend, das außerhalb der mittelalterlichen Ständegesellschaft stand – Kräuterweiblein, Gaukler, Barden und lauter ziehendes Volk…..

So klein der Markt auch ist, gibt es doch alles, was einen Mittelaltermarkt auszeichnet:

Handwerk

und Geschmeide,

Räucherkräuter und Lebensberatung,

Holzschwerter und Schilde,

rustikal Gebackenes und

der unvermeidliche Met,

den Barden mit wilden Saufliedern und Schwertkampf

und Feuerspracht am Abend.

Am Montag frage ich meine Kinder:“Wie viel Mittelalter steckt denn in einem Mittelaltermarkt?“ –

Die Kinder:“Gab es schon Dixieklos? Wo haben die eigentlich hingemacht?“

Gekicher – als die Wahrheit herauskommt.

Hier der Mittelaltersound dazu …

Dünenzauber

Die Düne ist eine Sandbank vor unserer Hauptinsel (wenn man von Süden kommt :-)).

eine Art Stadtpark, den man mit einer kleinen Fähre innerhalb von 10 Minuten erreichen kann.

Die Hauptinsel – das Land – rückt ab, damit auch alles, was in der kleinen Community der Insel kleine und große Wellen schlägt.

T. und ich haben diese kleine Welt immer wieder genutzt, um ‚abzuhauen‘ und wenn wir abends zurückkamen, waren wir mit dem Land wieder ausgesöhnt.

Alleine bin ich seitdem nie mehr dort gewesen – es gibt halt viele kleine eigene Momente, die wir dort erlebt haben.

Besuch dagegen ist eine Gelegenheit, hinzufahren –

am Spülsaum das Wasser um die Füße streichen zu lassen,

kleine Überraschungen zu entdecken,

roten Feuerstein zu finden,

ein bisschen zu lesen,

und später im Dünenrestaurant einen Kaffee latte zu schlürfen.

Die Kolonie der Kegelrobben ist klein geworden.

Bis zum Herbst werden wieder mehr kommen und ihre Kleinen auf der Düne gebären.

Am Ende warten auf die Fähre –

und einer wartet mit.

Erinnerungen….an das schönste Kompliment, das ich je bekommen habe

Spätsommer

Zurück auf dem Felsen – nach vier Wochen Festland.

Alles scheint wie immer zu sein.

Gäste warten auf die Inselbahn. Es ist keine Demo, wie meine Schwester schmunzelnd vermutete.

Und doch – hier hat der Spätsommer begonnen.

Aus Blüten sind Früchte geworden.

Alle wirkt im milden Licht schon ein wenig elegisch.

Manchmal trifft einen schon eine kühlere Bö –

und erinnert daran, dass der Herbst naht – summer time

Stadtimpressionen

Nach ein paar Monaten auf der Insel erlebe ich ‚Stadt‘ am ersten Tag wie einen Rausch von Eindrücken.

Es riecht anders – Abgase, das Aftershave des Nebenmannes im Bus, das Parfüm der Kundin neben mir. –

Nachts blinkert die Stadt in vielen Farben, grün, orange, rot, gelb – das fast weiße ‚Gesicht‘ der Autos – im Regen schön verwaschen….

Ein Auto fährt mit offenem Fenster vorbei – Oriental hiphop rauscht vorbei -, anfahrende oder stoppende Fahrzeuge vor der Ampel, die Unterhaltung am Nebentisch im Café südhessisch laut geführt. Vielleicht müssen die armen Frankfurter oder Darmstädter lauter mit ihrem Gegenüber sprechen, um den Straßenlärm zu übertönen ;-)). Aber in Südhessen spricht man ohnehin lauter und temperamentvoller als hier auf dem Felsen.

All das ist am ersten Tag ein Meer von tausend Eindrücken, überwältigend.

Ich finde Neues in der Stadt – Initiativen, Denkanstöße.

Am zweiten Tag habe ich schwimmen gelernt. D. ist sommerleer, die Studenten und Familien sind anderswo in der Welt. Ferienzeit.

Nicht nur der Schlossgarten ist verwaist.

Die Hörsäle im Schloss sind leer. Nur der Schatten ihrer Nutzer hängt noch im Eingang.

Am dritten Tag und vierten Tag finde ich Erholung beim Spaziergang durch Gärten, Parks und Wald.

Am fünften Tag spätestens strengt es an und verliert seinen Reiz.

Ich beginne mich zu wundern, wie Menschen übereinander gestapelt wohnen. Und ich habe selbst schon so gewohnt.

Und ich wundere mich über die großen ‚Vögel‘, die die Stadt so tief überfliegen,

ohne dass es hier unten irgendeiner zu bemerken scheint.

Bunte Pyramiden…

Kunscht 3

Hier haben andere Künstler gewirkt – Wind , Salz und Wasser.

Aus den Resten der Lorentrasse am Nordoststrand, die einst zur Baustelle an der Nordmole führte, sind eigenartige Gebilde geworden.

Sie gehören wie die Nordmole zu den Resten des militärischen Grroßprojektes der Nationalsozialisten auf Helgoland. Dort sollte ein gigantischer Hafen für die U-Bott-Flotte der deutschen Faschisten entstehen.

‚Hummerschere‘ wird sie genannt, weil die Nordenden den Scheren eben jene Tieres gleicht, dessen Habitat man dabei gleichzeitig beinahe zerstört hätte.

Ungeachtet der Leben der Zwangsarbeiter, die hier geschuftet haben, davon erzählt der Inselarzt Walter Kropatscheck sehr eindrücklich.

Ihr Zerfall hat etwas Tröstliches.

So wittern die Reste eines ‚1000-jährigen Reiches‘ vor sich hin, eine Mahnung an alle Diktatoren dieser Welt.

Es wechseln die Zeiten.

Kunscht 2

Im Süden von Darmstadt – am Stadtrand, der langsam in den Odenwald übergeht – befindet sich seit 2022 der Internationale Waldkunstpfad.

In der Tradition der land art

haben Künstler dort mit den Materialien, die der Wald bietet (manchmal auch anderem) etwas geschaffen,

das nicht für die Ewigkeit, aber doch ein paar Jährchen gedacht ist.

Manches wurde zusammen mit Kindern erbaut und ersponnen.

Anderes erinnert an Bauten auf der Fusion, einer Konvention mitten in Brandenburg.

Man findet Kommentare zu unserem Lebensstil

wie auch Warnungen vor ihm

wie diese Riesenspinne als Überbleibsel einer Weltkatastrophe.

Baumhäuser umhüllen hoch gewachsene Buchen, ohne dass sie erreichbar wären.

Ein Luftschloss hängt zwischen Bäumen – festgezurrt, obwohl es doch schweben sollte.

Ein Ahn thront über seiner Stätte.

Und über allem wacht Mutter Erde und umarmt die Welt.

oh tierra

Waldspaziergang

Es gibt zwei Dinge, die ich hier auf Helgoland vermisse: Fahrrad fahren und Wald.

‚Wald‘ ist für mich ein Laubmischwald. Es müssen hohe Buchen, alte Eichen da sein. Darin vermischt findet sich hier und eine Waldkirsche, manchmal Kiefern oder Lärchen – oder auch eine Tanne. Das Unterholz ist vielfältig – junge Bäume, Büsche, Heidelbeeren, Pilze. Danach riecht es und nach modrigem Laub. Es darf Lichtungen und Bäche geben (Wasser unbedingt!).

Kleine Teiche sind willkommen.

Wenn wir mit unserer Mutter in den Wald gingen, war das ein besonderer Tag. Obwohl wir aus der Mitte der Stadt mit kurzen Beinen dorthin spazieren mussten, wo unser Lieblingsplatz war. Wir lernten damals, lang und ausdauernd zu laufen.

Mit der Tram – so nannte der Opa die Straßenbahn – ging’s nur in den Wald, wenn er da war. Er war ein beleibter, alter Herr.

Mein Lieblingsplatz war eine Art Terrasse im Wald – mit Bänken, so dass die Erwachsenen sich bequem setzen konnten. Darunter mäanderte ein Bach, unser Spielplatz.

Wir tauchten in eine andere Welt, bauten Staudämme, ließen Schiffchen fahren oder untergehen, entdeckten in Wurzelgeflechten seltsame Wesen,

die mal gefährlich, mal verwunschen waren.

Und was wir fanden, trugen wir nach Hause – wie heute noch ;-))

An manchen Orten überlagern sich Gegenwart und Vergangenheit