Stadtimpressionen

Wenn man als Insulaner*in lange nicht auf dem Festland war, fühlen sich Städte an wie Bausteine, die ein großes Kind wild durcheinander geworfen hat.Große, kleine , bunte, graue – erst nach und nach sortiert sich wieder das Bild, das wir als ‚Stadt‘ gelesen gelernt haben.

Erstaunlich – wie viele Menschen in diesen Würfeln wohnen, erstaunlich – wie sie sich gegenseitig aushalten.

In D. bewege ich mich meistens zu Fuß fort – aber das Angebot an Mobilität hat sich enorm erweitert – und die Roller sind Leihrädern gewichen.

In der Mitte der Stadt lag einst der Kaufhof, eine echte Institution, denn in meiner Kindheit gab es dort gefühlt alles zu kaufen.

Heute wirkt das Benko-Opfer wie eine Anklage – an einen falschen Lebenstil, an verlorene Arbeitsplätze (auch andere Gebäude in der Stadt stehen leer) – ein Abgesang auf eine alte Welt und alte Vorstellungen.

Städte – das sind Menschen und ihre Geschichten. Heute ist man auf Georg Büchner stolz – sowohl in D. wie in G. findet man seinen Kopf – und feiert ihn als widerständigen Demokraten – zu Recht!

In Gießen findet sich auf dem Kanzleiberg – mitten in der Stadt – neben dem alten Schloss das Denkmal der politischen Köpfe.

– Büchner vereint mit Ludwig Börne, Carl Vogt und Wilhelm Liebknecht (dem Papa von Karl).

Man hat sie in ihren Zeiten verjagt und verfolgt. Ihre Köpfe ruhen so auf ihren Stelen, dass man ihnen direkt in die Augen sehen kann.

Was meint ihr Alten – so geehrt – zu unserer Welt?

Es ist schade –

so in Bronze gegossen und festgenagelt auf einen Augenblick können sie nicht antworten.

Sie brauchen auch heute Weite für ihr Herz und Wolkenschiffe für ihre Gedanken – In dieser Zeit….

Basstölpel

Seit meinem letzten Besuch Anfang des Monats hat sich die Community gesettelt, aber nicht nennenswert vergrößert.

Sie haben ihre Nester gefunden und polstern sie jetzt aus.

Sie lieben sich oder zetern miteinander.

Zärtlich werden die Federn geputzt

oder mit den Schnäbeln geklappert.

Dazwischen Ausflüge aufs Wasser, Mitbringsel für den Nestwächter.

Obwohl die Kolleg*innen von Jordsand die Bruthügel fein säuberlich vonallem Plastik geräumt hatten, gefällt den Vögeln das bunte Bling-Bling.

Da sind sie wie wir – auch wenn sie nicht lesen und schreiben können, kein Auto fahren oder Handys nutzen.

Einzig eine Fähigkeit haben sie uns voraus – sie können sich aus eigener Kraft in den Himmel erheben und segeln. –

Was ist der Mensch?

Das Leben ist jetzt

Die ersten Märztage sind Balsam auf Haut und Seele. Seit Monaten kommt die Sonne zum ersten Mal länger als zwei Stunden durch.

Die Schnucken brauchen allerdings noch dringend den dicken Pulli, denn der Wind bleibt kalt.

Es wird Zeit, dass die Saison wieder beginnt. Der Pegel der Tratschereien nimmt auf dem Felsen wieder zu – ein untrügerisches Zeichen, dass die Insulaner beginnen sich zu langweilen.

Draußen auf den Vogelfelsen sind die Lummen angkommen.

‚Das Leben ist jetzt‘ – sei das Motto der Boomer – so hörte ich es in einem Beitrag auf Deutschlandfunk nova, Krisenbewältigung die DNA dieser Generation. Deshalb seien sie so pragmatische und fröhliche Hedonisten. Aus ihrer Konsilianz erwachse manchmal ein Haltungsproblem. Aber Probleme im Hier und Jetzt zu lösen, sei ihre Kernkompetenz.

Ja – das Leben ist jetzt- und die Basstölpelpaare bauen fleißig ihre Nester. ;-)))

Drive the cold winter away

Der alte Herr Winter

Herrje – seit ich auf Helgoland lebe, habe ich hier noch keinen so grauen Winter erlebt.

Manchmal trieft die Luft vor Nässe – Regen im eigentlichen Sinne ist das nicht.

Aber würdest du ein Tuch in die Luft hängen, du könntest es binnen kurzem auswringen wie einen nassen Feudel.

Aber er – der Herr Winter – wird schon langsam alt. Er kann sich nicht mehr wehren gegen die länger werdenden Tage, die Krokusse, die hier und da schon blühen

oder ganz kecke Osterglocken, die sich in stillen Ecken hervortrauen.

Und die fliegenden Frühlingsboten sind da.

Auf allen drei Vogelfelsen haben sie sich niedergelassen und streiten wie die großen Helgoländer Zweibeiner um ihren Platz.

Und segeln wie junge Götter durch die Luft, die noch lange kalt sein wird.

Du langer Winter ….

Nie wieder ist Jetzt

Heute fand auch auf Helgoland eine Kundgebung gegen Rechts statt. Endlich!

Ca. 200 Menschen, das sind ca. ein Siebtel der Helgoländer Bevölkerung, nahmen an der Kundgebung teil.

Warum das am Ende der Welt wichtig ist?

Tja – auf dem Felsen leben Menschen aus ca. dreißig Nationen. Sie stellen etwa 30 % der Helgoländer Bevölkerung. Ohne sie wäre der Tourismus auf Helgoland längst zusammengebrochen. Ohne sie gäbe es keine Schule , keinen Kindergarten auf Helgoland.

Helgoland wäre ohne Einwanderer eine Art Disneyland der Nordsee, bewohnt von ein paar uneinsichtigen Alten und dem nötigen Servicepersonal, das die Gäste im Sommer bespaßt und bedient. Denn Familien könnten hier nicht mehr leben.

Das sind die nackten Fakten. Darüber hinaus?

Vor knapp 90 Jahren gab es das schon einmal – eine Demokratie schaffte sich über demokratische Wahlen selbst ab, überließ der aufgestiegenen Partei, der NSDAP, die Regierungsverantwortung und ließ geschehen, dass der jüdische Teil der Bevölkerung, politisch Andersdenkende, Sinti oder Roma, queere oder einem radikalen Pazifismus verpflichtete Menschen deportiert, zu Zwangsarbeit gezwungen und später ermordet wurden.

Und wir die Nachfahren, der Generation, die diese Massenmorde zugelassen hat, sich daran beteiligte oder auch nur verstrickt wurde, wir haben tatsächlich die Verantwortung, dass nie wieder Menschen ausgegrenzt, deportiert und ermordet werden.

Deshalb ist NIE WIEDER jetzt und heute – Sagt Nein!

Exoten im Schnee

Kaum war mein Besuch nach Hause gefahren, begann es zu schneien.

Dicke, fette Flocken zunächst –

die nach und nach die Gräber am Friedhof bedeckten.

Die Exoten im Garten bekamen ein neues Kleid –

morgens knirschte der Schnee leicht unter den Sohlen –

und der Leuchtturm schickt unbeirrt sein Licht in die Welt.

Was wird das Jahr bringen? –

Ein gutes Zeichen haben in den letzten Tagen viele Menschen gesetzt:

ein Nein zu Unmenschlichkeit und Ausgrenzung!

Wird es ein Ja zu Aushandeln und Frieden und Verantwortung für die Welt, die uns nährt?

Eine Freundin schickte mir zum Jahresanfang ein Zitat von Antonio Gramsci:

„Man muss nüchterne, geduldige Menschen schaffen, die nicht verzweifeln angesichts der schlimmsten Schrecken und sich nicht an jeder Dummheit begeistern.

Was wir brauchen ist Nüchternheit:

einen Pessimismus des Verstandes, einen Optimismus des Willens.“

Sicher ist nur – die Tage werden länger….

Weihnachten zuhause

Dieses Jahr floh ich nicht vom Felsen, sondern erwartete Besuch – ein wahrer Krimi.

Ein Sturm wurde erwartet und alle, die aufs Festland wollten, nahmen schon am 19. das Schiff. Denn keiner glaubte, dass das letzte Schiff am 23. noch fahren sollte.

Ich saß auf heißen Kohlen und wartete auf meine Lieben…….

und sie kamen doch – ein wenig grau und müde vom Schiffschaukeln – whow!

Eine intensive, gemeinsame Zeit begann …..

die dunkelsten Tage des Jahres auf dem Felsen…..

in langen Spaziergängen….

Wir fanden den inspirierendsten Weihnachtsbaum der Insel….

und sperrten Sturm und Regen aus …

Chrismas at sea…

Regenbogen

Kaum war es noch Oktober – da naht schon der erste Advent. Der November verging im Flug – angefüllt mit allem, was mein bürgerliches Leben ausmacht: Konferenzen und Klassenarbeiten, Eltern- und Schülergespräche, Termine zum Vernetzen, Termine für das Anschieben von Projekten….

Derweil fiel die Insel in den Winterschlaf – die Bürgersteige wurden hochgeklappt, Eisdielen mit Packpapier versiegelt

und das Gestühl platzsparend verwahrt

(Helgoländer Keller sind klein und meistens vollgestellt oder vermietet): Betriebsferien.

Wenn es nicht gerade stürmte, kurze Tage mit ……..

ja – Regenbögen, manchmal gleich doppelt.

Am Ende des Regenbogens soll man Schätze heben können – welchen nimmt man da nun – und an welchem Ende soll man suchen?

Der Regenbogen – heißt es im Alten Testament – sei das Zeichen für den Bund zwischen den Lebewesen der Erde und Gott.

Aber ich fürchte, wir haben diesen Bund unsererseits bisher schlecht erfüllt. Und wäre es wirklich ein Vertrag gewesen, den Noah nach den alten Schriften mit Gott geschlossen hätte, dann – ja dann hätten wir jetzt Vertragsbruchszahlungen über Jahrtausende zu berappen.

Ich hoffe auf Güte des transpersonalen Seins, darauf ,dass es nicht ist wie wir Menschen: niederträchtig, gierig, gemein und hasserfüllt. Und dass es manchmal ein Licht anzündet, das uns an Großzügigkeit, Klugheit und Liebe erinnert.

Namasté

Mittelalter im Mittelland

Dort, wo big bäng einen Riesenkrater hinterlassen hat und heute Hunde Freilauffläche haben, fand der erste Mittelaltermarkt auf Helgoland statt.

Äh – Mittelalter, das darf man sich auf Helgoland nicht wirklich lustig und bunt vorstellen. Es gibt hier kein Grundwasser. Also fingen die Leute Wasser in Regenfässer auf. Es führte keine bequeme Treppe nach oben auf den Felsen, von einem Aufzug keine Rede. Es dürfte also beschwerlich gewesen sein, sein Geraffel nach oben in eine sichere Kate zu bringen, denn unten war der Hafen unbefestigt und damit jeglichen Stürmen ausgeliefert.

Die Verbindung zur Düne bestand noch, insgesamt war die Insel etwa viermal größer als heute. Die großen Sturmfluten im 14. und 18. Jahrhundert haben ordentlich ‚gefressen‘ und dem Felsen annähernd die heutige Form gegeben.

Im Mittelalter war der Felsen ein unbedeutender Klecks in der Nordsee, der zu Dänemark gehörte. Aber die Dänen interessierten sich für diesen Flecken erst, als im 15. Jahrhundet bei Helgoland große Heringsvorkommen auftraten.

Also – raue Lebensbedingungen …

Doch unsere Vorstellung von Mittelalter wird heute ohnehin eher von Tolkien und anderen Fantasy-Autoren geprägt, als dass sie historisch genau wäre.

Und so zieht während des Mittelalterwochenendes eine bunte, wild geschminkte Truppe durch die Stadt, um die Leute auf den Markt im Mittelland zu rufen. Lauter Volk darstellend, das außerhalb der mittelalterlichen Ständegesellschaft stand – Kräuterweiblein, Gaukler, Barden und lauter ziehendes Volk…..

So klein der Markt auch ist, gibt es doch alles, was einen Mittelaltermarkt auszeichnet:

Handwerk

und Geschmeide,

Räucherkräuter und Lebensberatung,

Holzschwerter und Schilde,

rustikal Gebackenes und

der unvermeidliche Met,

den Barden mit wilden Saufliedern und Schwertkampf

und Feuerspracht am Abend.

Am Montag frage ich meine Kinder:“Wie viel Mittelalter steckt denn in einem Mittelaltermarkt?“ –

Die Kinder:“Gab es schon Dixieklos? Wo haben die eigentlich hingemacht?“

Gekicher – als die Wahrheit herauskommt.

Hier der Mittelaltersound dazu …

Spätsommer

Zurück auf dem Felsen – nach vier Wochen Festland.

Alles scheint wie immer zu sein.

Gäste warten auf die Inselbahn. Es ist keine Demo, wie meine Schwester schmunzelnd vermutete.

Und doch – hier hat der Spätsommer begonnen.

Aus Blüten sind Früchte geworden.

Alle wirkt im milden Licht schon ein wenig elegisch.

Manchmal trifft einen schon eine kühlere Bö –

und erinnert daran, dass der Herbst naht – summer time