Das Leben ist jetzt

Die ersten Märztage sind Balsam auf Haut und Seele. Seit Monaten kommt die Sonne zum ersten Mal länger als zwei Stunden durch.

Die Schnucken brauchen allerdings noch dringend den dicken Pulli, denn der Wind bleibt kalt.

Es wird Zeit, dass die Saison wieder beginnt. Der Pegel der Tratschereien nimmt auf dem Felsen wieder zu – ein untrügerisches Zeichen, dass die Insulaner beginnen sich zu langweilen.

Draußen auf den Vogelfelsen sind die Lummen angkommen.

‚Das Leben ist jetzt‘ – sei das Motto der Boomer – so hörte ich es in einem Beitrag auf Deutschlandfunk nova, Krisenbewältigung die DNA dieser Generation. Deshalb seien sie so pragmatische und fröhliche Hedonisten. Aus ihrer Konsilianz erwachse manchmal ein Haltungsproblem. Aber Probleme im Hier und Jetzt zu lösen, sei ihre Kernkompetenz.

Ja – das Leben ist jetzt- und die Basstölpelpaare bauen fleißig ihre Nester. ;-)))

Drive the cold winter away

Nie wieder ist Jetzt

Heute fand auch auf Helgoland eine Kundgebung gegen Rechts statt. Endlich!

Ca. 200 Menschen, das sind ca. ein Siebtel der Helgoländer Bevölkerung, nahmen an der Kundgebung teil.

Warum das am Ende der Welt wichtig ist?

Tja – auf dem Felsen leben Menschen aus ca. dreißig Nationen. Sie stellen etwa 30 % der Helgoländer Bevölkerung. Ohne sie wäre der Tourismus auf Helgoland längst zusammengebrochen. Ohne sie gäbe es keine Schule , keinen Kindergarten auf Helgoland.

Helgoland wäre ohne Einwanderer eine Art Disneyland der Nordsee, bewohnt von ein paar uneinsichtigen Alten und dem nötigen Servicepersonal, das die Gäste im Sommer bespaßt und bedient. Denn Familien könnten hier nicht mehr leben.

Das sind die nackten Fakten. Darüber hinaus?

Vor knapp 90 Jahren gab es das schon einmal – eine Demokratie schaffte sich über demokratische Wahlen selbst ab, überließ der aufgestiegenen Partei, der NSDAP, die Regierungsverantwortung und ließ geschehen, dass der jüdische Teil der Bevölkerung, politisch Andersdenkende, Sinti oder Roma, queere oder einem radikalen Pazifismus verpflichtete Menschen deportiert, zu Zwangsarbeit gezwungen und später ermordet wurden.

Und wir die Nachfahren, der Generation, die diese Massenmorde zugelassen hat, sich daran beteiligte oder auch nur verstrickt wurde, wir haben tatsächlich die Verantwortung, dass nie wieder Menschen ausgegrenzt, deportiert und ermordet werden.

Deshalb ist NIE WIEDER jetzt und heute – Sagt Nein!

Stadtimpressionen

Nach ein paar Monaten auf der Insel erlebe ich ‚Stadt‘ am ersten Tag wie einen Rausch von Eindrücken.

Es riecht anders – Abgase, das Aftershave des Nebenmannes im Bus, das Parfüm der Kundin neben mir. –

Nachts blinkert die Stadt in vielen Farben, grün, orange, rot, gelb – das fast weiße ‚Gesicht‘ der Autos – im Regen schön verwaschen….

Ein Auto fährt mit offenem Fenster vorbei – Oriental hiphop rauscht vorbei -, anfahrende oder stoppende Fahrzeuge vor der Ampel, die Unterhaltung am Nebentisch im Café südhessisch laut geführt. Vielleicht müssen die armen Frankfurter oder Darmstädter lauter mit ihrem Gegenüber sprechen, um den Straßenlärm zu übertönen ;-)). Aber in Südhessen spricht man ohnehin lauter und temperamentvoller als hier auf dem Felsen.

All das ist am ersten Tag ein Meer von tausend Eindrücken, überwältigend.

Ich finde Neues in der Stadt – Initiativen, Denkanstöße.

Am zweiten Tag habe ich schwimmen gelernt. D. ist sommerleer, die Studenten und Familien sind anderswo in der Welt. Ferienzeit.

Nicht nur der Schlossgarten ist verwaist.

Die Hörsäle im Schloss sind leer. Nur der Schatten ihrer Nutzer hängt noch im Eingang.

Am dritten Tag und vierten Tag finde ich Erholung beim Spaziergang durch Gärten, Parks und Wald.

Am fünften Tag spätestens strengt es an und verliert seinen Reiz.

Ich beginne mich zu wundern, wie Menschen übereinander gestapelt wohnen. Und ich habe selbst schon so gewohnt.

Und ich wundere mich über die großen ‚Vögel‘, die die Stadt so tief überfliegen,

ohne dass es hier unten irgendeiner zu bemerken scheint.

Bunte Pyramiden…

Waldspaziergang

Es gibt zwei Dinge, die ich hier auf Helgoland vermisse: Fahrrad fahren und Wald.

‚Wald‘ ist für mich ein Laubmischwald. Es müssen hohe Buchen, alte Eichen da sein. Darin vermischt findet sich hier und eine Waldkirsche, manchmal Kiefern oder Lärchen – oder auch eine Tanne. Das Unterholz ist vielfältig – junge Bäume, Büsche, Heidelbeeren, Pilze. Danach riecht es und nach modrigem Laub. Es darf Lichtungen und Bäche geben (Wasser unbedingt!).

Kleine Teiche sind willkommen.

Wenn wir mit unserer Mutter in den Wald gingen, war das ein besonderer Tag. Obwohl wir aus der Mitte der Stadt mit kurzen Beinen dorthin spazieren mussten, wo unser Lieblingsplatz war. Wir lernten damals, lang und ausdauernd zu laufen.

Mit der Tram – so nannte der Opa die Straßenbahn – ging’s nur in den Wald, wenn er da war. Er war ein beleibter, alter Herr.

Mein Lieblingsplatz war eine Art Terrasse im Wald – mit Bänken, so dass die Erwachsenen sich bequem setzen konnten. Darunter mäanderte ein Bach, unser Spielplatz.

Wir tauchten in eine andere Welt, bauten Staudämme, ließen Schiffchen fahren oder untergehen, entdeckten in Wurzelgeflechten seltsame Wesen,

die mal gefährlich, mal verwunschen waren.

Und was wir fanden, trugen wir nach Hause – wie heute noch ;-))

An manchen Orten überlagern sich Gegenwart und Vergangenheit

Stadtprobleme

Würde ein Außerirdischer fragen, was Städte sind, würde ich antworten:

Das sind Orte, in denen viele Menschen, manchmal übereinander gestapelt wohnen. Sie müssen auf Schritt und Tritt damit klarkommen, dass sie von anderen umgeben sind. Sie müssen ihre Nachbarn erdulden, so wie ihre Nachbarn sie erdulden müssen.

Das größte Problem, würde ich sagen, sei es, den Raum zu finden, den man zum Selbstausdruck, zur eigenen Ruhe oder für sein Auto brauche….

und das Zweitgrößte, Großzügigkeit walten zu lassen.

Barfuß oder Gummistiefel

In the middle of nowhere – dort, wo die meisten Menschen lediglich die A5 hinauf- oder hinabbrausen, findet jedes Jahr ein kleines, aber feines Festival im Schatten einer Burg statt.

Hier treffen sich Wesen aller Art,

um gemeinsam zu feiern, ein paar Tage miteinander gute Musik zu hören

und entspannt zu sein.

Wir hatten dieses Jahr Glück im Pech – schon die Anreise wurde nass.

Doch fast jeden Tag hellte der Himmel für ein paar Stunden auf.

Wie gewohnt hatten wir ein kleines Familiendorf errichtet – mit Lounge und Küche.

Der tägliche Regen weichte die Straßen des Festivals nach und nach auf.

Barfuß –

oder Gummistiefel –

Regenjacke oder Badehose –

das war die tägliche Frage.

Aber –

Der Hippiemarkt erweiterte sein Angebot.

Manches erinnerte an das letzte Schlammjahr 2017

und ‚alte‘ Sportarten wurden neu gepflegt.

Musikalisch mischte sich Altbekanntes mit Neuem –

mein Highlight war der Auftritt von Dota.

Abschied nehmen

Ein schöner Sonnentag geht zu Ende – und – das ist die Magie des Sonnenuntergangs – wir nehmen Abschied von diesem Tag,

betrachten das Verschwinden des großen Feuerballs hinter dem Horizont,

gleiten in die Nacht hinein – und wünschen insgeheim das Erwachen am nächsten Morgen in einem ähnlich schönen Tag.

Dieses Jahr begann mit einem Abschied, ein zweiter steht an. Und erst jetzt vermag ich von dem ersten zu schreiben.

Als H. und ich uns das letzte Mal von Angesicht zu Angesicht sahen, sagte er: „Es ist gut, dass du nach Helgoland gehst. Hier möchte ich dich nicht mehr sehen.“ – Und ich antwortete: „Wir werden uns wiedersehen, in einem anderen Leben – und uns wieder gegenseitig helfen.“ Dann lagen wir uns als Freunde in den Armen – und gingen auseinander, wie wir schon früher auseinandergegangen waren. Ich blickte noch einmal zurück – und sehe ihn im Nachmittagslicht seine Sachen ins Auto packen.

Später folgten in der Corona-Zeit zwei lange anregende Gespräche per Telefon – zu dritt. Wir saßen um ein Handy wie an einem Lagerfeuer und philosphierten über die Zeiten und die Welt. T. und H. mochten sich, das war spürbar. Und ich freute mich, wie immer, wenn zwei Menschen, die ich mag, schätze und liebe, zueinanderfinden.

Die Welt ist Werden und Vergehen. Die Reise in eine andere Dimension ist für T. und H. längst geschehen, aber im Abschiednehmen wird man niemals Experte.

Wohin diese Reise dich auch führen möge, liebe D. – es sei eine gute.

Sonne ….

Krawall von oben

Nachts und morgens zog Sturm Nikolaus über den Felsen, peitschte die Palme gegen die alte Sat-Schüssel, zog heulend und jaulend durch die Gassen. ließ auf dem Pflaster kleine Wassertulpen entstehen, die so schnell zerfielen, wie sie entstanden waren.

Ab Mittag klart es auf – aber weiter zerrt der Wind an Dächern, Häusern, jagt über den Felsen.

Heute ist kein Schiff gekommen, der Hafen leer.

Auf der Ostseite wirkt die Inselwelt fast still, wären da nicht die Schaumkronen auf der Wasserfläche.

Klar, denke ich, das Wetter kommt von Westen. Und kaum biege ich in diese Richtung, braust es auf, wird jeder Schritt langsamer. So schwer kann Luft sein.

Draußen an der langen Anna kaum Gäste, ungewöhnlich für einen Sonntagnachmittag im Sommer.

Doch einer fotografiert lange – und stemmt sich dabei gegen den Sturm.

Die Basstölpel tanzen in der Drift.

Sie brauchen sich nicht – wie sonst – von der Klippe zu stürzen. Die Flügel breit gemacht – und schon steht man in der Luft –

möchte ich auch können, denke ich ein wenig neidisch. Mich fortheben, entheben …

Immer noch denke ich manchmal, wie hätte mein Leben mit T. hier weiter gehen können, obwohl der Entwurf immer unwahrscheinlicher wird.

Diese Welt ohne ihn ist nicht schön schön. Sie ist für sich dieselbe alte Erde, die sich dreht und durch das Weltall düst.

Noch immer sind die Menschen die, die sie sind, verbohrt, verblendet, großartig, verrückt, Verzweifelte, Liebende.

Und doch: Es fehlt ein wenig Glanz, Ts. Glanz, den er als Mensch dazu gegeben hat.

Across waters…

Inselsommer

Der Inselsommer bringt allerlei große und kleine Ereignisse mit sich, die vor allen Dingen die Kurgäste bespaßen – Open-Air-Kino und Theater, Straßenfeste und Konzerte, Trachtentanz und Shantychor.

Ein alljährliches Ereignis ist nicht dem Tourismusbetrieb gewidmet, sondern den Schulen in Schleswig-Holstein – der Schüler-Staffel-Marathon. Zum diesjährigen Marathon starteten immerhin 50 Mannschaften (auch die alte Grundschule meiner Nichten) – jeweils mit 6 Schüler*innen, einem Elternteil und einem/r Lehrer*in.

Zuvor musste die Schule ausgeräumt werden, damit die Mannschaften eine Unterkunft hatten. Die Nordseehalle wird zur Mensa und ebenfalls Schlafsaal.

Es herrscht Waschküchenwetter an diesem Morgen. Die Sonne ist kaum zu erahnen. Trotzdem fühlt sich die Luft wie in einem Dampfbad an. Doch raußen an der Langen Anna wird es kühler sein.

Auch wenn ich kein Fan solcher Läufe bin, beeindruckend ist es trotzdem. Immerhin laufen die Mannschaften insgesamt 42 km zusammen und bewältigen zwischendurch eine Steigung von 40% – Respekt.

Dort, wo sonst Gäste auf die Inselbahn oder die Witte Kliff warten, sind Sporttaschen gestapelt und bereiten sich Läufer*innen auf ihren Start vor.

Wer gewonnen hat? – Nicht die beiden Helgoländer Mannschaften, für sie ist das Mitlaufen wichtig – auch wenn man die letzte Läuferin stellt – 😉

Und hier weiter zum Bericht von Paul Wessels – einem ehemaligen Inselkind

Ich hänge hier nur so rum

Festlandsbesuche sind Gelegenheiten zu sehen –

manchmal isoliert, manchmal in einen neuen Kontext gestellt

oder so…..

in einem Freiluftcafé an der Kemnade –

oder hoch oben –

an der Wand des Pen-Zentrums

oder als Rest eines studentischen Projekts –

vor dem Knast, in dem die beiden einst einsaßen (Stopp: Georg war schnell weitergereist. Sein Bruder Ludwig gab sich an seiner Stelle als Georg Büchner aus. Als die Darmstädter Polizeibehörde auf die Verwechslung kam, war Georg bereits in Straßburg angekommen). Der andere ist Ludwig Weidig, der zweite Autor des Hessischen Landboten.

oder im Schaufenster eines stylischen Design-Ladens

Der Tag…..